High-Performance-Computing: Nachholbedarf im Mittelstand

Der Mittelstand könnte von High-Performance-Computing-Systemen erheblich profitieren. Aber er ignoriert sie: nur ein Bruchteil beschäftigt sich überhaupt mit der Thematik, so das Ergebnis einer Studie des HPC-Spezialisten transtec.

Gerade einmal 5 Prozent des Mittelstands nutzt High-Performance-Computing (HPC), hat transtec bei einer Befragung von 254 IT-Verantwortlichen in technisch-orientierten Unternehmen mit 1 bis 1'000 Mitarbeitern herausgefunden.

Die geringe Verbreitung der Systeme steht im krassen Widerspruch zum potenziellen Nutzen, denn auch kleine und mittelständische Betriebe können ihre Wettbewerbsfähigkeit mit HPC-Lösungen erheblich steigern – und in Zukunft werden sie sowieso kaum noch darauf verzichten können. Datenvolumina etwa wachsen in allen Bereichen dermaßen schnell an, dass konventionelle Rechnersysteme für deren Auswertung an ihre Grenzen stoßen. Die Gewinnung nutzbarer Erkenntnisse aus dieser Datenflut – Stichpunkt Big Data – ist in Zukunft praktisch nur noch mit hochleistungsfähigen HPC-Systemen zu bewältigen; von dieser Entwicklung sind auch die kleinsten Unternehmen nicht ausgenommen.

Andererseits stockt, gerade im Mittelstand, die Innovationsbereitschaft: die konjunkturelle Unsicherheit in weiten Teilen Europas hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass immer weniger mittelständische Betriebe in neue Produkte oder Prozesse investieren; sie gefährden damit ihre Wettbewerbsfähigkeit. Dabei könnten sie sowohl die Time-to-Market als auch die Entwicklungskosten beliebiger Produkte mit Hilfe von HPC-Lösungen drastisch verringern, zumal die Preise im HPC-Umfeld purzeln: immer mehr Systeme basieren auf standardisierter, vergleichsweise günstiger Hardware und sind somit nicht mehr nur großen Unternehmen mit komfortablem IT-Budget vorbehalten.

So attraktiv die Kombination aus hohem Nutzen und erschwinglichen Preisen für mittelständische Betriebe auch sein müsste: gerade einmal 10 Prozent der befragten IT-Verantwortlichen kannten überhaupt den gebräuchlichen Begriff "HPC". Dabei wurde offensichtlich, dass je kleiner ein Betrieb war, desto weniger hat er sich mit der Thematik auseinandergesetzt. So lag der Bekanntheitsgrad von HPC in Unternehmen ab 51 Mitarbeitern bei über 15 Prozent, in Ingenieurbüros oder Maschinenbaubetrieben bis 50 Mitarbeitern hingegen nicht einmal bei 6 Prozent. Insgesamt waren sich nur knapp 25 Prozent der Befragten bewusst, dass Hochleistungs-Rechensysteme auch für kleine und mittlere Unternehmen angeboten beziehungsweise auf deren Bedürfnisse zugeschnitten werden können.

Entsprechend der Unternehmensgröße steigt auch die Nutzung von HPC-Systemen: Über 9 Prozent der Unternehmen ab 201 Mitarbeitern gaben an, sie einzusetzen; diese Zahl purzelte auf rund 3 Prozent bei Unternehmen mit 11 bis 200 Mitarbeitern, und von den befragten Kleinstbetrieben bis zu 10 Mitarbeitern nutzte kein einziger eine HPC-Lösung. Über alle Unternehmensgrößen hinweg lag der Durchschnitt bei 5,1 Prozent.

Die restlichen 94,9 Prozent der Unternehmen gaben an, keine HPC-Lösung einzusetzen oder es nicht zu wissen. Allerdings beklagten sich lediglich 12 Prozent von ihnen über zu lange Wartezeiten bei rechenintensiven Anwendungen, ganz so, als gäbe es kaum Bedarf für schnellere Lösungen. "Diese Zahl hat uns überrascht", erklärt Dr. Oliver Tennert, Director HPC Solutions bei transtec in Reutlingen. "Wir erklären uns das so: einerseits haben sich viele Anwender an eine gemächliche Gangart ihrer Rechnersysteme gewöhnt und empfinden sie als adäquat. Anderseits haben sich noch wenige Unternehmen mit der tatsächlichen Auswertung von Big Data auseinander gesetzt oder nutzen nicht die fortschrittlichsten Softwarelösungen für Simulations- oder Entwicklungszwecke, die ja deutlich mehr Rechenkapazität einfordern. Das betrifft vor allem die kleineren Unternehmen."

In der Tat war auch hier eine deutliche Korrelation feststellbar: bei Unternehmen bis 500 Mitarbeitern waren für rund 9 Prozent der Befragten die Systeme für rechenintensive Anwendungen zu langsam, bei solchen ab 501 Mitarbeitern beklagten sich über drei Mal so viel, insgesamt rund 31 Prozent, über mangelnde Geschwindigkeit.

"Der Mittelstand war immer das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Aber im internationalen Umfeld werden Produktzyklen immer kürzer, Produktionskosten sinken und der Wettbewerbsdruck nimmt drastisch zu", erklärt Tennert, "mittelständische Unternehmen dürfen sich deshalb nicht auf alten Tugenden ausruhen, sondern müssen Innovation aktiv betreiben und weiterhin die Vorreiterschaft bei Technologien, Verfahren und Produktqualität sicherstellen. Ohne Hochleistungs-Rechensysteme und ausgeklügelte Software ist die Zukunft aber kaum zu gestalten, dessen muss sich der Mittelstand bewusst sein. Die gute Nachricht: solche Systeme sind mittlerweile auch für die kleinsten Unternehmen erschwinglich."

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